Güni Noggler
Geb. 1962, Schwaz, Tirol, Austria
Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Radio, Videos, Theater, Workshops, Performances, Einzelausstellungen (Bilder, Skulpturen, Texte, Installationen).
Lesungen und Workshops im In- und Ausland.
Güni Noggler, Freundsberg
10a, 6130 SCHWAZ, AUSTRIA; Mail: gueni(a)noggler.org; Tel.:
0043 670 35 36 644
Put out Put in!
Irre Despoten (und hier ist das Gendern tatsächlich überflüssig) gehören für immer gestoppt!
... WENN ICH BEI EINER WAHL LEDIGLICH 88,5 % ERHALTE; DANN WÜRDE ICH
MICH ALS DIKTATOR VON MEINEN UNTERTANEN SOFORT UND ENDGÜTIG ZURÜCKZIEHEN!
Alea iacta est
Im Wesentlichen hat sich der Deutschunterricht seit den siebziger Jahren nicht grundlegend weiterentwickelt. Es werden noch immer die gleichen Klassiker gele-sen und gelehrt und der bürgerliche Bildungskanon hört im Großen und Ganzen bei Thomas Bernhard auf. Gut, früher ist man ja nicht einmal so weit gekommen. „Die neuen Leiden des jungen W.“, und schon war die moderne Literatur abgehakt. Ansonsten „Walle! Walle! Manche Strecke“, „Alles rennet, rettet, flüchtet“, ein biss-chen Grillparzer, Thomas Mann. Und wenn man das Glück, oder Pech hatte – je nachdem – einen von diesen jungen, noch nicht restlos desillusionierten Deutschlehrern zu bekommen, dann wurde man am Ende der 7. oder in der 8.Klasse des Gymnasiums mit den unvermeidlichen Schmonzetten einer aufstre-benden linkslinken Literatur konfrontiert: Wolfgang Borchert, Pablo Neruda und – quasi als Amuse-Gueule – mit Stefan Zweig. Mit dem konnten sich sogar die alten Studienräte vor jeder für sie offenbarenden Diskussion um das 1000-jährige Reich erfolgreich drücken.
Die Schachnovelle. Geschrieben Anfang der 40er Jahre. Inhaltsangabe. Interpreta-tion. Und selbst wenn Herbert K. nicht gewusst hätte, wo genau der Deutschprofes-sor als Weltkriegsveteran seine Gesinnung verortet, hätte er trotzdem seine Interpre-tation mit dem Satz: „So gesehen kann man die Schachnovelle durchaus als mein Kampf des Dr. B., dem Protagonisten dieser Geschichte, verstehen.“ abgeschlossen.
Ein glattes „Sehr Gut“.
„Eine hervorragende Arbeit!“. In roter Tinte unter die Benotung geschrieben. Der Professor nahm das Elaborat, stellte sich vor die Klasse und las es mit markiger Be-tonung und stellenweise erhobenem Zeigefinger, pathetisch vor.
Den nachfolgenden Spott seiner linken Mitschülerschaft nahm Herbert K. dafür gerne in Kauf. Er war zwar körperlich kein kühner Recke, aber so weit war seine Selbstverleugnung nie gegangen, dass er tatsächlich aktives Mitglied des Schach-clubs der Schule wurde. Das war nicht sein Spiel. Entsprach nicht seinem Denken. Die quasi wichtigste Figur, der König, hatte da im Endeffekt ja kaum mehr Bewe-gungsfreiheit als einer seiner Bauern. Kompletter Blödsinn. Und dazu noch die Dame, die Königin. Die Mutter aller Schlachten, die Wunderwaffe in diesem Geviert aus 64 Quadraten. Der König, abhängig von seiner Dame. Ein Spiel. Nur bei viel guten Willen ansatzweise als Metapher für das menschliche Leben zu verstehen. Als eine Art Muttertag der gehobenen Unterhaltung. Brettspielvarieté. Für im Grunde genommen pedantische, fantasielose Regelkonformisten, die den Sinn des Spiels darin sehen, innerhalb des Regelwerks zu einem persönlichen Erfolg zu kommen. Das hatte Herbert K. eigentlich schon im Volksschulalter durchschaut. Wer sich nur innerhalb der Regeln bewegt, der wird erbarmungslos auf das reine Glück zurück geworfen, wie beim „Mensch ärgere dich nicht“.
Beim Schein der Deckenlampe saßen Herbert K., seine zwei älteren Cousinen und der Großvater am abgeräumten Stubentisch, holten das Spielbrett aus der Schach-tel, bauten die Männchen auf und wer die höchste Augenzahl warf, der durfte be-ginnen. Hochkonzentriert stürzte sich Herbert K. in das Spiel, verfolgte mit pochen-dem Herzen die Spielzüge seiner Gegner, jubelte bei unerwartetem Würfelglück und versuchte aufkeimenden Ärger tapfer hinunter zu schlucken, wenn er wieder einmal, kurz vor dem Ziel geschmissen wurde. Solange, bis er explodierte. Wutent-brannt sprang er auf, fegte mit überschnappender Stimme das ganze Spiel mit einer einzigen Bewegung vom Tisch und stürmte mit Zornestränen in sein Zimmer.
Es war der Großvater, der ihn später zur Seite nahm.
„Schau Herbert, das ist ein Spiel. Mit Regeln. Die gelten für alle. Aber es kommt im-mer darauf an, was du für dich daraus machst. Bleib ruhig. Das Ziel ist es, dass sich die anderen ärgern.“
Der Stein des Weisen. Die lebensbestimmende Erkenntnis für Herbert K.. Wenn er schon im Moment die Spielregeln nicht ändern konnte, dann würde er zumindest für sich den Sinn des Spiels verändern: Nicht mehr die Ankunft als Erster im Ziel stand nun im Vordergrund, sondern einzig und allein die Freude, alle anderen mit Spott und Häme vom Spielfeld zu fegen. Rücksichtslos. Verbrannte Erde. Was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Der diktatorische Ansatz der Destruktivität.
Bis zum bitteren Ende.
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