Güni Noggler
Geb. 1962, Schwaz, Tirol, Austria
Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Radio, Videos, Theater, Workshops, Performances, Einzelausstellungen (Bilder, Skulpturen, Texte, Installationen).
Lesungen und Workshops im In- und Ausland.
Güni Noggler, Freundsberg
10a, 6130 SCHWAZ, AUSTRIA; Mail: gueni(a)noggler.org; Tel.:
0043 670 35 36 644
Put out Put in!
Irre Despoten (und hier ist das Gendern tatsächlich überflüssig) gehören für immer gestoppt!
... WENN ICH BEI EINER WAHL LEDIGLICH 88,5 % ERHALTE; DANN WÜRDE ICH
MICH ALS DIKTATOR VON MEINEN UNTERTANEN SOFORT UND ENDGÜTIG ZURÜCKZIEHEN!
Iden des März
Der März ist doch immer schon ein Monat des Kampfes gewesen. Die Zeit für die ersten Frühlingsoffensiven. Donbass, Libanon, Iran. Zeit der Intrigen und der politischen Grabenkämpfe. Cäsar, März. „Auch du, mein Sohn Brutus!“. Nicht umsonst ist dieser Monat nach Mars benannt, dem römischen Gott des Krieges. Dieses ganze, streichelweiche Frühlingsgelaber ist doch nichts weiter, als eine perfekte Marketingmasche der Süßwarenindustrie und der Baumärkte. Schokoosterhasen und Blumenerde. Nougateier und Rindenmulch. So, als ob die Natur in ihrem nachwinterlichen Wachstumsdrang auch nur auf irgendetwas Rücksicht nehmen würde. Ein Blick auf die balzenden Vögel genügt, auf die brutalen Revierkämpfe der Ameisen, die wuchernde Okkupation der Wiesen durch den Löwenzahn. Da hat jede Lieblichkeit ausgedient. Da geht es einzig um das Recht des Stärkeren. Wer schafft es rechtzeitig jene Ressourcen zu erobern, die der Arterhaltung, der Fortpflanzung die ultimativen Voraussetzungen garantieren? Der März ist der Monat des Krieges. Jeder gegen jeden. Ohne Rücksicht. Mit Finten und List, Tarnen und Täuschen, mit der unerbittlichen Gewalt des gnadenlos Überlegenen.
Wer mit offenen Augen im Frühling durch die Natur streift, kann seinen Darwin live erleben. Eindrucksvoll hatte das Herbert K. am eigenen Leib erfahren. Diese niederträchtigen Angriffe der Pollen, mit ihren blütenstaubigen Drohnenschwärmen, ausgesandt von den Erlen, Birken und den am Wegesrand lauernden Haselnusssträuchern. Biologische Kriegsführung auf höchstem Niveau. Ein minutiöser, orchestrierter Rundumschlag. Eine permanente Offensive gegen das Immunsystem.
Jedes Jahr dasselbe: Tränende Augen, asthmatische Hustenattacken, erbarmungslose Niesanfälle, dröhnender Kopf. Heuschnupfen. Wochenlang. Bis Mitte Mai.
Was hatte Herbert K. nicht alles versucht! Inhalieren, feuchte Umschläge, Handauflegen, vergebliche Besuche bei Heilpraktikern, Quantenheilung und Ivermectin. Alles umsonst. Leere Kilometer. Zum aus der Haut fahren, sprichwörtlich, wenn ihn in der Nacht der Juckreiz am ganzen Körper kein Auge zutun ließ und er nicht einmal ein Leintuch auf seiner Haut vertrug. Ein Desaster.
In tiefster Verzweiflung wandte sich Herbert K.an die Belakowitsch. Die ist doch Ärztin – und in der Not frisst der Teufel Fliegen. Sie beäugte ihn erst mal gründlich von oben bis unten und fragte ihn dann mit strenger, medizinischer Stimme:
„Herbert, du hast dich doch nicht etwa gegen die Grippe impfen lassen?“
„Nein, nein. Ganz sicher nicht.“, druckste er stotternd seine Antwort hervor.
„Denn, wenn du dich hast impfen lassen, dann kann ich dir nicht mehr helfen. Dann kann dir niemand mehr helfen!“
Sie horchte ihn ab, untersuchte seinen Rachen und seine Ohren, schaute sich seine Augen an, setzte sich an ihren Schreibtisch kritzelte etwas auf den Notizblock und schob den Zettel zu Herbert K. hinüber: „Ich hab´ da für dich die Adresse eines Schamanen …“
Und so fand sich Herbert K. drei Wochen später auf einem etwas heruntergekommenen Bauernhof im Waldviertel. Er schlug sich ein Laken um die Mitte seines vor Kälte bibbernden Leibes, klemmte sein Handtuch unter den Arm und trippelte barfuß, auf Zehenspitzen, über den Kiesweg zur dampfenden Schwitzhütte. Gemeinsam mit zwei spitzbärtigen, alt-68er Coronaleugnern und drei lederhäutigen, selbsternannten Kräuterfeen. Drinnen, im fahlen Kerzenlicht, rhythmisierte der Schamane mit kehligen Lauten und seiner selbstgebastelten Trommel. Zischend verteilten sich heißschwadige Kräuteressenzen im ganzen Raum und trieben schon nach kurzer Zeit Herbert K. den Schweiß aus allen Poren. Verstohlen beobachtete er wie die anderen Teilnehmer:innen sich mit geschlossenen Augen im Schneidersitz ekstatisch zum Rhythmus wiegten.
Das war nicht seine Welt! Dieses aufgesetzte Indigenentheater! Mit diesem esoterischen Billigguru!
Und justament, als Herbert K. aufstehen und alles abbrechen wollte, setzte mit einem letzten Schlag der Trommel abrupt der gutturale Pseudogesang aus - der Schamane ergriff seinen abgelegten Aluhut und reichte ihn wie eine Schüssel reihum.
„Esst, meine Freunde, esst, das ist die Speis´, die ich für euch gebacken habe!“
Misstrauisch fischte Herbert K. ein Keks heraus, schnupperte daran und kaute es vorsichtig in kleinen Bissen. Zu wenig Zucker, zu wenig Salz, viel zu viele Kräuter. Und während er noch darüber nachdachte, wie er am elegantesten von hier verschwinden konnte, spürte er wie sich eine bisher ungekannte Entspannung in ihm breit machte, wie er mehr und mehr all seine Mitstreiter und das ganze Universum in sein Herz schloss und glücklich glucksend und lachend den Schamanen um ewigen Nachschub bat.
All you need is love.
Man muss nur für jedes Hascherl das richtige Kekserl finden.
Alle "Herbert Geschichten" können online im Alpenfeuilleton nachgelesen werden!