Güni Noggler
Geb. 1962, Schwaz, Tirol, Austria
Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Radio, Videos, Theater, Workshops, Performances, Einzelausstellungen (Bilder, Skulpturen, Texte, Installationen).
Lesungen und Workshops im In- und Ausland.
Güni Noggler, Freundsberg
10a, 6130 SCHWAZ, AUSTRIA; Mail: gueni(a)noggler.org; Tel.:
0043 670 35 36 644
Put out Put in!
Irre Despoten (und hier ist das Gendern tatsächlich überflüssig) gehören für immer gestoppt!
... WENN ICH BEI EINER WAHL LEDIGLICH 88,5 % ERHALTE; DANN WÜRDE ICH
MICH ALS DIKTATOR VON MEINEN UNTERTANEN SOFORT UND ENDGÜTIG ZURÜCKZIEHEN!
Soll und Haben
Das buchhalterische Denken ist nicht das schlechteste, wenn es darum geht, seine sieben Sachen zusammen zu halten. Es lehrt mit der erforderlichen Genauigkeit zu sortieren, zu ordnen und in die jeweiligen Kategorien einzuteilen. Dies ist nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern vermittelt darüber hinaus auch einen stets aktuellen Ist – Bestand der jeweilig Vermögenswerte, liefert die dafür relevanten Zahlen und verhilft einem somit zu einem fundierten und präzisem Überblick der Gesamtsituation. Aufwände und Erträge. Kosten, Einnahmen und erforderliche Reserven. Die scheinbare Banalität der Zahlen – und doch bilden nur diese das tragfähige Rückgrat für jede Form von Transport, Lagerung, Produktion, Beschaffung, als auch dem Einsatz sämtlicher Ressourcen. Was nützt die beste Strategie, wenn es am Nachschub hapert, was nützt einem der unbändigste Wille zum Sieg, wenn letztendlich die entscheidenden und grundlegenden Kapazitäten fehlen? Was soll man mit dem Mount Everest, wenn einem schon der Großglockner zu viel wird und sich als fragwürdiges Drama entpuppt?
Nur wer es versteht, rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen, verfügt über die Gewähr der Beständigkeit und bleibt so in der Lage, unmittelbar und rasch nach den jeweiligen Erfordernissen zu agieren.
Fahrpläne, Standzeiten, Verschub, be- und entladen, Wartung, Streckenverlauf und Wagenmaterial. Das sind die übergeordneten Parameter.
Bis dahin war für Herbert K. seine Märklin Eisenbahn, drunten im Kellerabteil, nur ein hin und wieder pflichtschuldig bespieltes Weihnachtsgeschenk gewesen, bei dem er gelangweilt neben seinem hemdsärmeligen Vater saß und ihm zusah, wie dieser mit hingebungsvoller Akribie Schienen verlegte, Weichen montierte, Signalmasten aufrichtete, Kabel einzog und selbstvergessen vor sich hinmurmelnd, stundenlang nach Fehlschaltungen und Leitungsproblemen suchte. Aber wenn dann tatsächlich, nach wochenlangen Kellerschichten, die kleine Dampflok ruckelnd ihre ersten Runden drehte und unversehrt mit blinkenden Lichteraugen aus dem Kartontunnel heraus ratterte, dann war das familiäre Idyll für diesen Tag gerettet.
Stinklangweilig. Das pingelige Zusammenbauen der Bahnhofsgebäude und das krippenhafte Gestalten der Landschaft mit farbigen Sanden, Styroporfelsen und Plastikbäumen, waren für Herbert K. nichts weiter als öde Stunden mit unausgesetzten „Lass das!“, „ Gib das her!“, „Sei jetzt still!“ und „Rühr das nicht an!“ wenn er es doch einmal wagte, eine dieser reiskorngroßen Figürchen am Bahnsteig zu platzieren. Der kleine Himmel der Väter mutiert da rasch zur Hölle der Söhne.
Wann immer es ihm möglich war, drückte sich Herbert K. vor den unsäglichen Kellerstunden mit seinem Vater. Bis er seine erste Armbanduhr bekam. Bis er den Wert der Zeit erkannte und schlagartig kapierte, dass nicht die Anlage als solches das Ziel des Spieles war, sondern ihre möglichst perfekte Nutzung auf ein Ziel hin.
Schon bald verbrachte Herbert K., zur Freude seines Vaters, nun zahllose Stunden im Keller und führte akribisch Buch: Er stellte unterschiedliche Züge zusammen, ließ sie im Kreis fahren, stoppte die Zeiten und nahm solange Veränderungen am Wagenmaterial vor, bis er das optimale Verhältnis aus Frachtpassage und Ladezeit erreichte. Zunächst mit zwei und später mit drei Zügen, die fahrplanmäßig im Verbund beladen, verschickt und wieder entladen wurden. Alles eine Frage der Effizienz. Mit möglichst geringem Aufwand in möglichst kurzer Zeit das Maximum herausholen. Relevanzgrößen schaffen. Man kann schließlich das Be- und Entladen von Frachtstücken nicht mit einem Personentransport vergleichen.
Herbert K. ging deshalb dazu über seine Transportwaggons ausschließlich mit den kleinen, reiskorngroßen Männchen zu beladen, und schaffte es so nach wenigen Versuchen die Waggons in Rekordzeit bis unter das Dach vollzustopfen.
Ein Pfiff! Freie Fahrt! Und während er noch pflichtbewusst die nächsten Waggons füllte, drehte der erste Zug seine Runde bis er vorschriftsmäßig an der Rampe hielt. Ausladen! Rechts die Männer, links die Frauen und Kinder. So einfach ist das.
Alles nur eine Frage der Planung.
Alle "Herbert Geschichten" können online im Alpenfeuilleton nachgelesen werden!