Schriftsteller

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Güni Noggler

Geb. 1962, Schwaz, Tirol, Austria

Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Radio, Videos, Theater, Workshops, Performances, Einzelausstellungen (Bilder, Skulpturen, Texte, Installationen).

Lesungen und Workshops im In- und Ausland.

Güni Noggler, Freundsberg 10a, 6130 SCHWAZ, AUSTRIA; Mail: gueni(a)noggler.org; Tel.: 0043 670 35 36 644


Put out  Put in!

Irre Despoten (und hier ist das Gendern tatsächlich überflüssig) gehören für immer gestoppt!

... WENN ICH BEI EINER WAHL LEDIGLICH 88,5 % ERHALTE; DANN WÜRDE ICH

MICH ALS DIKTATOR VON MEINEN UNTERTANEN SOFORT UND ENDGÜTIG ZURÜCKZIEHEN!



Hundstage

Der Toni Innauer ist ja heute noch schlank und rank. Wie der Goldberger – dieser kleine, widerliche, koksende Vaterlandsverräter, der kurzzeitig sogar die serbische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Um des schnöden Mammons willen. Dabei hat er doch – zumindest so weit Herbert K. wusste – keinerlei semitische Vorfahren und würde sogar aus Oberösterreich kommen! Na ja. Es sind ja nie die Besten, die der Heimat den Rücken kehren! Aber Haderlinge sind sie alle beide. Auch im Alter noch. Offensichtlich muss man wirklich ein professioneller Hungerleider sein, um heutzutage am Bergisel noch zu gewinnen. Ein Rauschebart, ein breitkrempiger Hut und ein „Dem Land Tirol die Treue“ sind da zu wenig. Die Kraft kommt da aus den Beinen, aus dem perfekten Verhältnis zwischen Unter- und Oberschenkel. Und kein Gramm zu viel. Das kostet nur Höhe. Das kostet Weite. Ähnlich beim Radsport. Magersüchtige Adrenalinjunkies im spätpubertären Schwanzvergleich. Aber was soll man tun, wenn die eigne Physiognomie rein athletisch absolut nichts hergibt? Weder stattliche Größe, noch breite Schultern; weder eine straffe Bauchmuskulatur, noch den Nacken eines Stiers; weder ein markantes Kinn, noch die Taille eines Tänzers; weder blonde Haare, noch blaue Augen. Da würde wohl noch heute so mancher wackere Edelkärntner gerne die slowenische Frage stellen …

Die optische Auslese ist ein fein justiertes Instrumentarium der gesellschaftlichen Zugehörigkeit. Krumme Nase, wulstige Lippen, dunkle Haut und krauses Haar. Zumindest davor hatte das Schicksal Herbert K. bewahrt. Er war zwar ein Zniachterl vor dem Herrn, hätte wohl aber auch damals als montaner Abkömmling mit deutscher Muttersprache seinen Ariernachweis erhalten. Doch körperliche Makel bleiben oft für immer: klein, hager und schmächtig. Mit viel zu weiten Hosen und Schuhen denen selbst sein zwei Jahre jüngerer Cousin schon entwachsen war – und der noch dazu, als exzellenter Schifahrer, ihm bei jedem Kinderskirennen ausnahmslos um die Ohren fuhr.

Und beim Radfahren erging es ihm nicht viel besser. Während die meisten gleichaltrigen Burschen mit den Waffenrädern ihrer Väter oder Onkel die teilweise noch unasphaltierten Straßen des Dorfes verunsicherten, kurvte Herbert K. auf dem Fahrrad seiner Tante herum. Nur so konnte er die Pedale erreichen und stehenbleiben ohne umzufallen.

Ein Damenrad! Die Lachnummer des Dorfes.

„Wir haben eine Stange, damit sich die Mädels drauf setzen können!“

„So was brauch´ ich nicht!“, bellte Herbert voll trotzigem Zorn.

„So wie du ausschaust ganz sicher nicht!“, war die lachende, spöttische Antwort.

Es braucht oft ein gerüttelt Maß an Amnesie um sich die Kindheit schön zu reden. Dies waren bittere Jahre der pubertären Demütigungen und Niederlagen, die Herbert K. niemals vergessen würde. Und die ihn Schritt für Schritt zu einem bissigen, aggressiven Sprachjongleur formten.

Natürlich geht da auch manches schief. Die Macht des Wortes bedarf der Illusion der Stärke und der Sanktionen. Ansonsten drohen Lächerlichkeit und Aufruhr. Wie bei seinem Ferialjob als Hilfsbademeister im städtischen Freibad.

Frisch maturiert, kurz vor dem Einrücken als Einjährig-Freiwilliger beim Bundesheer, hatte er für sechs Wochen diesen Job ergattert. 100 Meter schwimmen, eine Breite im Sportbecken tauchen, der folierte Karton mit den Erste-Hilfe-Maßnahmen zum Durchlesen, ein Spind im Mannschaftsraum, Dienstantritt am 1. Juli um siebenhundert.

Ein weißes Ruderleiberl mit der Aufschrift „Bademeister“, eine kurze, blaue Sporthose, eine Sonnenbrille und eine Trillerpfeife. Die Insignien der Macht. 18 Jahre und Herr über die Schwimmer und Nichtschwimmer, die Jungen und die Alten, Männer und Frauen. Die praktische Erfahrung des Führens. Ein schriller Pfiff, der Befehl, die Umsetzung.

„Randspringen verboten!“, „Ballspielen verboten!“, „Badeschluss!“. Ein Teichmeister der kleinhäuslich motivierten Freuden.

Bis am vierten Arbeitstag eine Horde Burschen aus seinem Heimatdorf auftauchte, ihn grölend und johlend umkreiste, ihm die Trillerpfeife entriss und unter dem Applaus und Gelächter der übrigen Badegäste kurzerhand, samt Badeschlapfen und Sonnenbrille, ins Becken warf.

Das wird er niemals vergessen, niemals verzeihen. Irgendwann – und das schwor sich Herbert K. – irgendwann würde er die ganze Bande in die Dusche schicken.

Alle "Herbert Geschichten" können online im Alpenfeuilleton nachgelesen werden!


Lesung beim Literaturforum Schwaz, 26. Februar 2026