Güni Noggler
Geb. 1962, Schwaz, Tirol, Austria
Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Radio, Videos, Theater, Workshops, Performances, Einzelausstellungen (Bilder, Skulpturen, Texte, Installationen).
Lesungen und Workshops im In- und Ausland.
Güni Noggler, Freundsberg
10a, 6130 SCHWAZ, AUSTRIA; Mail: gueni(a)noggler.org; Tel.:
0043 670 35 36 644
Put out Put in!
Irre Despoten (und hier ist das Gendern tatsächlich überflüssig) gehören für immer gestoppt!
... WENN ICH BEI EINER WAHL LEDIGLICH 88,5 % ERHALTE; DANN WÜRDE ICH
MICH ALS DIKTATOR VON MEINEN UNTERTANEN SOFORT UND ENDGÜTIG ZURÜCKZIEHEN!
Candida
Im Wesentlichen kann man die Ärzteschaft nach der literarischen Ausstattung ihrer Wartezimmer beurteilen. In jenen Praxen, die nolens volens von Hinz und Kunz aufgesucht werden müssen, lukriert sich der Lesestoff zum überwiegenden Teil vornehmlich aus dem Angebot der lokal üblichen Lesezirkel: Die Freizeit, Freizeit-Woche, Ganze Woche, Freizeit-Revue, Frau im Bild, Neue Post, Bunte, Wohnen und Garten, Aktuelle – angereichert mit Rätseln aller Art und saisonalen Rezepten, die zwar gerne gesammelt, aber umso seltener gekocht werden. Dazu Tratsch und Klatsch aus der Welt der vermeintlich Schönen und Reichen, fragende Gerüchte zu Liebschaften im Schlagerbusiness, eine Prise Familienhorror aus diversen Adelsgeschlechtern, Gesundheitstipps vom Kräuterpfarrer, publizistisch diagnostiziertes Elend samt Herz und Schmerz, sowie das Horoskop von Fräulein Henriette: Willkommen in der Ordination eines praktischen Arztes samt Kassenvertrag!
Um wie viel anders sieht es da in der Praxis eines Spezialisten aus. Das beginnt meist schon mit der Einrichtung und setzt sich nahtlos fort in einem entsprechenden Angebot aus Zeitschriften und Magazinen. Geo-Hefte, Profil, Schöner Wohnen, Trend, hochglanz Reiseberichte; jeweils zumindest die vorvorletzte Nummer.
Mit einem knappen, zurückhaltendem „Grüß Gott!“ nahm Herbert K. nach der Anmeldung im Wartezimmer der Hautärztin Platz, und fischte sich umgehend aus dem Zeitschriftenstapel ein matt glänzendes Exemplar heraus: Kunst und Kulinarik.
Na ja, wenigstens nicht der Falter. Verstohlen warf Herbert K. einen Blick auf seine Uhr und begann lustlos zu blättern. Sieht allemal besser aus, als ständig proletisch am Smartphone zu hängen. Nur weil man vorgibt einer von ihnen zu sein, darf man im generellen Auftreten niemals auf die elitäre Attitüde des Primus inter Pares verzichten. Ein volkstümliches Dirigat einer dörflichen Blasmusik ist eine Sache, aber noch wichtiger ist die leicht arrogante Überheblichkeit einer messianischen Besserwisserei. Das schafft Distanz und Anbetung, blinde Gefolgschaft und Stammtischtreue. Zudem ist es unverzichtbar für jeden Strategen, laufend seine Gegner zu studieren.
Geschäftig runzelte Herbert K. daher seine Augenbrauen und durchforstete mit angenässtem Zeigefinger die Blätter der Zeitschrift. Salzburger Festspiele, Biennale, Tanztheater, Ausstellungen, Konzerte. Die Spielplätze der selbsternannten Eliten. Natürlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein! Das musste Herbert K. niemand sagen. Herrschaft muss auch dem Auge, der Seele etwas bieten. Symbole der Ästhetik, der Größe, der Auserwähltheit. Oder glaubt tatsächlich irgendjemand, dass all die Pyramiden, Tempel, Kathedralen, Paläste, Denkmäler, Opern, Schauspiele und Bilder ohne das Geld und den Auftrag der Mächtigen entstanden wären? Die Kunst ist die Magd der Herrschaft. Die Künstler die Huren der Macht. Und die paar inszenierten Skandälchen einer linkslinken Scheinavantgarde das Salz in der Suppe der öffentlichen Erregung. Dieses Theater hatte Herbert K. schon längst durchschaut. Mit ein wenig Druck, einer Art Bücherverbrennung und finanziellen Repressalien sind die meisten sehr schnell auf Linie gebracht. Und wer nicht spurt, kann ja mit Arbeit seine Freiheit verdienen. So ist das!
Zufrieden blätterte Herbert K. weiter. Heimische Spitzenküche. Pilze der Saison. Handverlesen. Selbst gesucht. Wie weiland in den späten Kinderjahren seines Sohns, als sie miteinander, nach einem ergiebigen Sommerregen, bewaffnet mit Pilzmesser und Henkelkorb, die heimatlichen Wälder durchstreiften. Eine Lehrstunde der politischen Edukation.
„Schau, mein Sohn!“ rezitierte Herbert K., „Dieser Pilz da, ein Roter, mit weißen Punkten. Finger weg! Der ist giftig! – Oder der da, dieser Grüne, ein lebensgefährlicher Knollenblätterpilz! – Und vor allem, wenn sie einmal Schwarz sind, dann sind sie alle faul und restlos verdorben! Also: Finger weg!“
„Der König der Pilze aber,“ fuhr Herbert K. fort, „das ist der Herrenpilz! Und der heißt nicht umsonst so. Schau ihn dir genau an, mein Sohn: dieser wuchtige, starke Stamm mit einem unverkennbar klaren, braunen Hut! Der beste von allen!“
„Der Nächste bitte!“ Mit einem Ruck schreckte Herbert K. aus seinen Gedanken, legte die Zeitschrift zurück, erhob sich und betrat die Ordination der Hautärztin. Und als er gut 20 Minuten später die Diagnose erhielt, stand er mit heruntergelassenen Hosen vor der Ärztin. Mit einem roten, juckendem, halbverdorrten Mannsein, mit stiller Qual im Schritt. Ein Pilz. Kein brauner Kopf, kein stolz gereckter Hut, nur Trockenheit und Brennen. Unisex. Für Männlein und Weiblein, Trans und Gender. Herbert K., eingeholt vom wirklichen Leben.
Candida albicans.
Ein Pilzgericht.
Alle "Herbert Geschichten" können online im Alpenfeuilleton nachgelesen werden!