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Buchpräsentation 1 Juli 08 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Güni Noggler   
Freitag, den 31. Oktober 2008 um 14:55 Uhr
 Am 1. Juli veröffentlichte güni noggler seinen neuen Roman "Eine Selbstverständlichkeit".



Beitrag von Tirol TV.



 
Eine Selbstverständlichkeit PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Sonntag, den 27. Juli 2008 um 14:21 Uhr
Cover von Güni Noggler's Eine Selbstverständlichkeit

Als der Enkelsohn verwirrt, verletzt und mit vielen Fragen in der Intensivstation vor dem Bett des Großvaters steht, bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst mühsam nach Antworten und Wahrheiten zu suchen. Ist dieser Mensch, der nun gebrechlich und sprachlos vor ihm liegt, dieselbe Person, die ihm in der Kindheit und Jugend mit starrer Autorität begegnet ist und später dann mit lächelndem Großvatercharme augenzwinkernd zum wohlwollenden Komplizen wurde? Und wie geht man damit um, wenn man entdeckt, dass dieser Mensch KZ-Aufseher und überzeugter Nazi war? Was genau hat er getan, verbrochen, nicht verhindert, stillschweigend gut geheißen oder auch nur geduldet? Und wo ist da die Verbindung zum späteren Hauptschullehrer, Direktor und geachteten Vorzeigebürger? Die wichtigste Frage aber ist: Kann man so einen Menschen noch wertschätzen, lieben und letztlich als Teil des eigenen Lebens verstehen? Mit diesen Fragen und Problemen beschäftigt sich dieser Roman. Er handelt vom Alter, von Familiengeschichten, vom geriatrischen Notstand und von der berechtigten Forderung nach historischer Verantwortung und Ehrlichkeit. Das Vergessen kann auch die Nachkommen zu Mitschuldigen machen. Die Suche nach der Wahrheit und den Beweggründen der Kriegsgeneration ist keine Garantie für endgültiges Verstehen oder gar Verz Verzeihen.

Tiroler-Woche: 
"Der Roman handelt vom Leben und Sterben des Herrn Kramer, einem Nazi, der herrisch das Leben seiner Familie bestimmt. "Autorität verträgt kein Mitleid" und "Der Starke bleibt am besten allein", sagt er sich noch im Altersheim, als sein Körper ihn, der sich einen schnellen, würdigen Tod gewünscht hatte, langsam im Stich lässt. Das Buch beschäftigt sich mit dem Altern, mit Familie, mit der Forderung nach Wahrheit. Noggler beschreibt dabei genau, erzeugt konkrete Bilder im Kopf des Lesers, spielt mit Klischees, vermittelt auch schwere Themen mit trockenem Witz und fesselt mit sprachlichem Geschick und Können. "Der Tod ist im Altersheim nichts Außergewöhnliches", mit diesem Satz beginnt und endet der im novum Verlag erschienene, 657 Seiten starke Roman. (jh)"

 

Das Cover des Buches wurde von Rebecca Hagele, Fotografin in Schwaz, gestaltet.
 


TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1107

Eine Selbstverständlichkeit

Ein Leben, das voller Selbstverständlichkeit abläuft, kann durchaus dick daherkommen. Güni Noggler erzählt auf beinahe siebenhundert Seiten in großen Schleifen von einem Dutzendleben, wie es im zwanzigsten Jahrhundert wohl mannigfach vorgekommen ist.

Leopold Kramer ist ein lebensintelligenter Mensch, der stets den Anforderungen der jeweiligen Gesellschaft gewachsen ist. Doch jetzt, am Ende seiner Durchschnittskarriere, löst sich sein Leben nicht nur biologisch auf, auch was ihn ideell zusammengehalten hat, geht restlos in die Binsen.

Das Ende kommt in drei Schritten, die cool Umzug, Einzug, Auszug genannt werden. Der ehemals hochgeachtete Schuldirektor wird eines Tages ins Altersheim verfrachtet, aber er behält seinen stolzen Gang bei und gilt als einer der fittesten im Heim. Im nächsten Schritt erleidet er auf offenem Feld einen Schlaganfall und kommt als gelähmter Mensch auf die Intensivstation, zum Wrack degeneriert verlegt man den Helden schließlich in die Pflegestation des Altersheimes, wo er unter elendiglichen Umständen stirbt.

Dieser biologische Abstieg ist an und für sich schon ein Schicksal, das unter die Haut geht und dem Leser nichts schenkt. Ziemlich aufwühlend aber wird diese Geschichte, weil Leopold Kramer nicht irgendwer ist, sondern der Durchschnittsmensch an Selbstverständlichkeit und Unauffälligkeit.

In Rückblenden erfahren wir, dass er bei der SS war und in Mauthausen Vernichtungsprogramme in großem Stil durchgeführt hat. Geradezu absurd ist seine Erfindung einer doppelten Gaskammer, mit der man ähnlich einer Doppelmühle ununterbrochen Vergasungen durchführen konnte. Diese „gesunde Lebenseinstellung“ des Wahnsinns hilft Leopold Kramer auch nach der Nazi-Zeit, er organisiert sich saubere Papiere, wird Lehrer und Direktor. Nebenbei führt er eine berührend einfache Ehe, liebt seine Tochter und schließlich seinen Enkel, auch wenn die Tochter nicht gerade eine lupenreine Ehe hinkriegt.

Im provinziellen Kleinstadt-Milieu geht Leopold Kramers Karriere schließlich glanzvoll-gewöhnlich zu Ende und wirft dennoch eine unbeantwortbare Frage auf: wie kann ein Leben so widersprüchlich glatt ablaufen, indem Massenmord und Lebenskultur so easy ineinander übergehen?

Güni Noggler erzählt ganz nah am Helden, die beinahe darwinistische Logik, wonach eben alles selbstverständlich biologisch abzulaufen hat, wird unterbrochen von kulturphilosophischen Einschüssen. Gerade weil der Autor nie moralisierend eingreift, wird sein Held so zugänglich, trotz seines Wahnsinn-Programmes. Und uns Lesern bleibt ein ordentliches Stück Staunen bei offenem Mund: Wenn unsere Kultur solche Biographien hervorbringt, dann ist sie vielleicht gar nicht so humanistisch, wie sie immer tut.

 
Güni Noggler: Eine Selbstverständlichkeit.
Neckenmarkt: novum Verlag 2008. 657 Seiten. EUR 23,90. ISBN 978-3-85022-273-0.
Güni Noggler, geb. 1962, lebt in Schwaz.
Helmuth Schönauer 10/10/08

 
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