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Kurzschriften - Buchrezension von Helmuth Schönauer Drucken E-Mail

 

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1288 - Buchrezension von Helmuth Schönauer

Kurzschriften

In der Kurzschrift wird jene Wirklichkeit zusammen gefasst, die zwar schon abgeschlossen, aber noch nicht für die Geschichte frei gegeben ist. Beispielsweise ist ein Sachverhalt diktiert und in Kurzschrift niedergeschrieben worden, aber der Text ist noch nicht öffentlich, denn er muss erst ins Reine geschrieben werden.

Güni Noggler notiert in seinen Kurzschriften jeweils das Wichtigste vom Tag, verknappt es zu einer prägnanten Sequenz und gibt diese Zeilen dann an den Leser weiter, damit sich dieser daraus seine passende Geschichte zusammenbasteln kann.

So wirken diese Kurzschriften oft wie Sprichwörter, knappe Überschriften zu einer abgewickelten Geschichte oder auch zotisch verknappt wie ein Graffiti fürs Herrenklo.

„Wenn am Tag / der Arbeit / frei ist, / dann muss / am Fest / der ‚Unbefleckten Empfängnis‘ / ganz schön / was los sein / in den Betten!“ (105)

„Was für andere / der 11. September / ist für mich / der 12. August: / mit einem / mords Flieger / abgestürzt und / zu früher Morgenstund / ins Haus / gekracht!“ (111)

Die übliche Verwendung von Begriffen, Gedenktagen oder ideologischen Schlüsselwörtern wird in den Kurzschriften auf den Kopf gestellt, umgedreht oder einfach wörtlich genommen. So verengt sich die Bedeutung eines Sprichwortes durch den Gebrauch des Autors, damit es dann beim Leser wie ein aufgebrochener Pfropfen in eine neue Bedeutung schießt.

Die Urfassung der Kurzschriften geht jeweils auf ein schwer gebundenes Jahresjournal zurück, das Güni Noggler mit dem Maler SM Lahnbach führt. Maler und Schriftsteller haben jeweils ein Jahresexemplar für kreative Einträge, am 15. Dezember wird dann immer getauscht, der Maler macht die Notate des Schriftstellers fertig, und umgekehrt. Wobei die Bedeutung „fertig machen“ in dieser doppelten Bedeutung vollenden und verstören gemeint ist.

So muss man sich zu den schriftlichen Skizzen jeweils optische Gestaltungen, Aufhellungen und Irritationen hinzudenken, die über das Jahr verstreut sind.

In der konzentrierten Printausgabe hingegen sind diese schriftlichen Eintragungen aus der Chronologie gelöst und zu Themenschwerpunkten zusammengefasst, die vielleicht lauten: Öffentlichkeit, Rituale, Erotik, Dirty talk, Provinz, Brett vorm Kopf, Bett im Hirn.

„Der Name / ‚Birkenau‘ / macht selbst / aus Bäumen / fast schon / Täter.“ (126)

Die Kurzschriften wecken den Leser aus dem semantischen Schlaf und machen ihn nervös und empfindlich gegenüber glatten Parolen. Oft versickern die einzelnen Eintragungen scheinbar ereignislos beim Lesen, aber kaum hat der Leser das Buch geschlossen, legen diese pfeilschnellen und spitzen Gedanken Güni Nogglers richtig los!

 

Güni Noggler:Kurzschriften.

Innsbruck: TAK 2010. 133 Seiten. EUR 19,-. ISBN 978-3-900888-48-0.

Güni Noggler, geb. 1962, lebt in Schwaz.

Helmuth Schönauer 07/10/10

 

Buchpräsentation "Kurzschriften"

 

Am 21. September 2010 präsentierte ich auf Einladung des "Literaturforum Schwaz" mein neues Buch "Kurzschriften" im "Haus der Völker" in Schwaz. Dabei wurde auch zum erstenmal die limitierte, nummerierte und in Leinen gebundene (Bindung: B. Sanders, Innsbruck) Sonderedition vorgestellt, die während der Präsentation von meinem Malerfreund MS Lahnbach  (der immerhin für die Hälfte unserer "künstlerischen Tagebücher"  verantwortlich ist und dem ich somit auch einen guten Teil an Inspriration und Assoziation verdanke)  zusätzlich noch bildnerisch gestaltet wurden, indem er den von ihm entworfenen Umschlag ergänzend bemalte. Danke Martin (MS Lahnbach), für deine Unterstützung, Hilfe und Freundschaft.


Exemplare der Sonderedition in limitierter Auflage können Sie gerne über "Kontakt" online, oder telefonisch bei mir bestellen.

 

Kurzschriften von Güni Noggler