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Lesung am Volksstimmefest 2019 Drucken E-Mail

Lesung am Volksstimmefest 2019

 

Hier mein Beitrag zum Thema: "Der Wert der Worte"

 

Der Wert der Worte

 

Vorschriftsmäßig blinkend, aber ein wenig zu schnell, bog Herbert Ka aus dem Kreisverkehr. Die Reifen quietschten quälend, als sich der Range Rover bei der Ausfahrt in Richtung Südautobahn mächtig zur Seite neigte und, wie ihm ein kurzer Blick in den Rückspiegel zeigte, der Pferdetransporter schlingernd und schaukelnd gerade noch die Kurve nahm, ohne aus der Anhängerkupplung zu springen. Puhh! Das war noch einmal gut gegangen! Nervös wischte sich Herbert Ka die Stirn, zwinkerte ein paarmal erleichtert hinter seiner Brille und umschloss dann erneut mit festem Druck das Lenkrad. Eine Spende eines Gönners. Adelig. Blaublütiger Burschenschafter. Der hatte ein Pferd zu viel. Was soll´s. In Wahlkampfzeiten gilt es ein freundliches Gesicht zu machen. „Für unsere berittene Exekutive!“. Lächelnd hatte er sich bei der Übergabe neben das Pferd gestellt, dessen Hals getätschelt und den Blick des Fotografen gesucht. Einige Schnappschüsse. Klick. Und ab in die sozialen Medien. Was sollte er mit diesem Gaul? Vielleicht, wenn er in drei, vier Monaten wieder Minister wäre, bei der Polizei unterstellen? Oder Leberkäse – Herbert Ka schmunzelte. Gut, dass diesen Gedanken niemand filmen konnte! Andererseits war dieses Pferd, das er seit dem heutigen Vormittag mit sich herumkutschierte in jedem Ort, bei jeder Wahlveranstaltung der absolute Renner gewesen. In der Bezirkshauptstadt hatten die Funktionäre den Hänger umgehend mit dem Parteilogo beklebt. Einer hatte sogar die Idee oben am Dach ein Blaulicht zu montieren. Besoffene Geschichte. Aber die Lokalblätter und die privaten Fernsehsender konnten nicht genug bekommen: Herbert Ka, der ehemalige Minister und sein Pferd! Ein dankbarer Aufhänger. Und gleich in die Vollen. Ohne Geplänkel, ohne Aufwärmen: In Zeiten wie diesen sorgen nur wir für Sicherheit und Ordnung! Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch nichts zu fürchten! Fair. Sozial. Heimattreu. „Wir sind alle eine Familie!“. Prost! Mahlzeit! Und jetzt erst recht! Ein Schnapserl, ein Humpen lauwarmes Bier, schunkeln, Selfies, 20 Minuten auf der Rednerbühne. Gejohle. Applaus. Autogramme. Und weiter geht´s. Kampf. Wahlkampf. Wollt ihr den totalen Wahlkampf? Das Recht hat sich der Politik zu beugen, die Menschenrechte sind semantische Makulatur, der Klimawandel die billige Ausrede einer behinderten Schulschwänzerin! Wer hat uns nach 1945 geholfen? Es sind nie die besten die ihre Heimat verlassen – das hat schon der Haider gesagt.

 

Nach der letzten Wahlveranstaltung, der fünften an diesem Tag. hat Herbert Ka seinen Chauffeur nach Hause geschickt. Er wollte selber fahren. Sich dabei entspannen. Am Anfang waren das Lenken und Bremsen mit dem Anhänger ungewohnt. Beim Beschleunigen merkte man fast nichts. Der kräftige Motor des Range Rovers reagierte herrlich schnurrend bei jedem Tritt aufs Gaspedal. Herbert Ka fuhr die zweispurige Ausfallstraße entlang. Links ein Lidl, ein Hofer, eine Industriebrache, rechts vorne, nach der ÖMV Tankstelle, ein OBI, dazwischen ein paar lokale Betriebsansiedlungen. Vorortcharakter. Leichter Nachfeierabendverkehr. Das Ortsschild mit „Auf Wiedersehen!“ huschte rechts vorbei. 70! Auf einer derart schnurgeraden, doppelspurigen Straße! Wofür bitte? Als Einschränkung der Eigenverantwortung? Nicht mehr in Lokalen rauchen, auf der Autobahn 130 – na ja, zumindest bis vor kurzem – was darf denn ein Mann heutzutage noch? Irgendwann normiert die EU noch den Stuhlgang eines jeden einzelnen! Verdammt!

 

Leicht verärgert stieg Herbert Ka aufs Gas. Freie Fahrt für freie Männer! Vor ihm der Highway. Doppelspurig. Autolos!

Die Gerüchte rankten rascher als der Notarzt samt Polizei den Unfallort erreichte. „Das war der Mossad!“, „Wie beim Haider!“, „Ein Attentat!“. Auf einer Länge von knapp vierzig Metern hatte der Range Rover den doppelten Maschendrahtzaun samt drei Meter hohen Zaunpfählen niedergemäht. Der Wagen überschlug sich mehrmals und blieb arg deformiert auf der rechten Seite liegen. Der Pferdetransporter musste sich – wie die spätere Analyse des Unfallherganges ergab – bereits vom Range Rover gelöst haben, als dieser von der Fahrbahn abkam und über das Bankett und die leichte Böschung längsseitig in den Zaun raste. Der Pferdetransporter lag in einem Gewirr aus Draht und Pfosten im ersten Drittel der Schneise, aber das Pferd hat Dank des raschen und beherzten Eingreifens zweier syrischer Männer unverletzt überlebt. Es gelang ihnen zum ängstlich wiehernden und im Transporter eingeklemmten Pferd vorzudringen und dieses unter Zuhilfenahme von herumliegenden Zaunpfählen aus dem Hänger zu befreien, zu beruhigen und hinüber zum Rasenplatz, gleich neben dem Eingang ins Flüchtlingslager, zu bringen. Als Dr. Yussuf Kurdoglu-Obermeier mit seinem Notarztteam am Unfallort eintraf, hatten zwei nigerianische Frauen und ein Mann aus Afghanistan Herbert Ka bereits aus dem Autowrack gezogen und mit den Erste-Hilfe-Maßnahmen begonnen. Wie Dr. Kurdoglu-Obermeier später auf der Pressekonferenz erklärte, rettete diese Vorgehensweise Herbert Ka das Leben. Herbert Ka befinde sich zurzeit in künstlichem Tiefschlaf, ergänzte der Neurologe Pjotr Michailovich vom AKH Wien. Die nächsten drei Tage seien kritisch und man könne aufgrund der schweren inneren Verletzungen noch keine Entwarnung geben.

 

14 Tage verbrachte Herbert Ka auf der Intensivstation. Um Infektionen vorzubeugen durfte ihn einzig seine Ehefrau besuchen, die mit tränenfeuchten Augen der Presse mitteilte, dass ihr Mann rund um die Uhr von Prof. Michailovich und dem Intensivpflegepersonal unter der Leitung von Dipl. Sr. Armira Palawan perfekt betreut würde. Nach der Verlegung auf die Normalstation stand Herbert Ka ein steiniger Genesungsweg bevor. Anfänglich noch halbseitig gelähmt und sprechunfähig schaffte er es Dank der geduldigen und professionellen Physiotherapie von Frau Dragana Albani und Herrn Ekrem Halil am Ende des zweiten Monats mit Hilfe eines Rollators auf die zimmereigene Toilette zu gehen. Nur das Sprechen wollte sich nicht einstellen, auch wenn das Personal im mittlerweile vertrauten Lallen den einen oder anderen Sinn zu verstehen meinte, so ist es letztendlich das Verdienst der Logopädin Frau Emilia Bolivera, dass Herbert Ka eines Tages endlich sein erstes normales Wort sagen konnte: „Danke.“


Fotos von Alfred Nagl

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